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Berner Jura Gallo-Römische Zeit

Römerstrasse beim Pierre Pertuis

Der bis zu 827 m hohe Pierre-Pertuis-Pass verdankt seine Bekanntheit einem tunnelartigen, natürlichen Felsentor. Der Name leitet sich vom lateinischen petra pertusa (durchschlagener Fels) ab. Aufgrund der fehlenden Ausweichmöglichkeiten wurde dieser Durchgang von der Römerzeit bis 1918 durchgehend benutzt. Die Eröffnung des Autobahntunnels im Jahre 1997 hat ihn in Vergessenheit geraten lassen. Archäologische Sondierungen des Trassees bei Tavannes datieren die Strasse in die 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.

Vorgehen

Bezug heute – früher

Strassen: Strassenverbindungen erschliessen heute praktisch die ganze Welt. Sie werden dem jeweiligen Gelände angepasst, wobei darauf geachtet wird, dass sie eine gewisse Steigung nicht überschreiten. Wo nötig, müssen zur Überwindung von natürlichen Hindernissen Kunstbauten wie Brücken, Tunnels und Galerien errichtet werden.

Spätestens seit der Motorisierung des Strassenverkehrs werden immer aufwendigere und somit auch kostspieligere Strassen und Kunstbauten erstellt. Gerade bei Autobahnen ist dies besonders gut ersichtlich. Geschwindigkeit und Sicherheit prägen weiter das Design der Strassenführung. Tunnels gehören zu den kompliziertesten und teuersten Bauten. Hier sind sicher diejenigen im Alpenraum oder gar die Untertunnelungen von Flüssen und Meerengen zu erwähnen.

Schülerinnen und Schüler kennen aus eigenen Erfahrungen die enorme Vielfalt von Strassenbauten. Dies bietet eine gute Gelegenheit, mit ihrem Wissen über die Nützlichkeit von Strassen, ihren Kunstbauten, über Transport und Verkehr zu sprechen und den Transfer zum Strassennetz und seine Verwendung in römischer Zeit herzustellen.

Weiter könnte man einen aktuellen Strassenbau in der Umgebung besuchen und dabei zusehen, welche vielfältigen Mittel dabei eingesetzt werden.

Zudem könnten Strassen aus der Römerzeit, wie etwa die ergrabene von Arch, behandelt werden.

Weiter ist es sinnvoll, die wichtigsten Römerstrassen und Strassenverbindungen im Gebiet des römischen Helvetiens zu betrachten und dabei den zu besuchenden Ort ausfindig zu machen.

Sprache und Schrift heute und in der römischen Zeit: Die römische Schrift bildet die Grundlage unserer heutigen. Die Inschrift oberhalb des Felsportals bietet Anlass, sich mit der römischen Schrift, mit der Gestaltung und mit der lateinischen Sprache vertiefter auseinanderzusetzen. Siehe dazu L-Latein und S-Steinschrift.

Themen, die vorgängig behandelt werden können

Damit Schülerinnen und Schüler die zu besuchende Fundstelle ergiebiger erkunden, erschliessen und auch begreifen können, ist es sinnvoll, vorgängig folgende Themen im Unterricht zu beleuchten:

Strassenbau: Wo lagen die wichtigsten Strassenverbindungen im römischen Helvetien? Wie wurden die Römerstrassen erbaut? Welche Baustoffe standen wohl zur Verfügung? Wer erbaute die römischen Strassen? Welche Spezialisten wurden dabei benötigt? Gab es, wie heute auch, verschiedene Strassentypen?

Nutzung: Wozu dienten die Strassen? Für wen wurden Strassen errichtet? Welche Fuhrwerke wurden in römischer Zeit benutzt? Wie entstanden die Spurrillen in den felsigen Strassenabschnitten?

Transportgüter: Welche Waren wurden in der Römerzeit in unserem Land transportiert? Woher kamen und wohin gelangten sie?

Sprache und Schrift: Welche Sprache benutzten die Römer? Gibt es Verwandtschaften zu heutigen Sprachen? In welcher Schrift wurden Denkmäler, wie etwa Weiheinschriften, Grabmäler, Altäre, Meilen- / Leugensteine und Münzen, beschriftet? Wie wurden Schriften in Steinplatten gekerbt?

Hilfreiche Lehrmittel

Zur Vorbereitung und selbständigen Vertiefung der gallo-römischen Zeit kann das Römerlexikon genutzt werden. Darin finden Schülerinnen und Schüler ausführliche, stufengerechte Texte und ergiebiges Bildmaterial, womit sie Vergleiche mit heute herstellen können. Lehrpersonen finden im IdeenSet gallo-römische Zeit Materialien für den Unterricht.

Fragen und Vermutungen

Wo befinden wir uns? Wie ist der Ort in der Landschaft eingebettet?

Aufträge und Lernaktivitäten

  1. Bevor ihr mit dem Erkunden beginnt, schaut zusammen auf der Landkarte nach, wo ihr euch befindet und sucht den Standort des «Pierre Pertuis»: Vielleicht gibt es sogar eine Bezeichnung oder einen Namen, welcher zu ihm gehört! Wie heisst der Ort? Notiert ihn!
  2. Betrachtet das Flugbild und sucht darauf die Passstrasse und den Ort von «Pierre Pertuis». Seht ihr sogar, wo ihr euch jetzt genau befindet?
  3. Sucht den geeignetsten Standort, von wo aus ihr einen möglichst guten Überblick zum Felsentor habt, und betrachtet das Felsentor auch von beiden Seiten! Hier könnt ihr Fotos aufnehmen, welche das Felsentor zeigen. Anschliessend könnt ihr Details zum Durchgang fotografieren, die euch auffallen.

Fragen und Vermutungen

Was ist da zu sehen? Was nehmen wir hier Besonderes wahr? Welche Spuren sind im Gelände erkennbar? Sind besondere Zusammenhänge feststellbar?

Aufträge und Lernaktivitäten

  1. Betrachtet und durchschreitet den Durchgang von beiden Seiten.
  2. Sucht verschiedene auffällige Stellen des Durchgangs.
  3. Erstellt eine Skizze des Durchgangs von der unteren und/oder der oberen Seite sowie einen Situationsplan.
  4. Danach messt ihr die Länge und Breite des Felsentors mit dem Messband und notiert die Masse auf eure Skizze.
  5. Schaut euch die besonderen Spuren an den Felswänden genau an: Erkennt ihr dabei Spuren, welche sicher nicht natürlich, sondern von Menschen herstammen? Fotografiert diese und tragt Nummern auf eurer Zeichnung ein, wo sie sich befinden.
  6. Betrachtet mit dem Feldstecher die Tafel über dem Durchgang: Schreibt die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge genau ab und überlegt euch, was die Tafel aussagen könnte. Versteht ihr einige Worte? In welcher Sprache wurde geschrieben?

Fragen und Vermutungen

Welchem Zweck könnte die Anlage gedient haben? Welche Spezialisten (Handwerker) haben hier gewirkt? Woher stammen die Baumaterialien? Wie lange hat es wohl gedauert, bis die ganze Anlage erbaut/erstellt war? Wer hat hier gelebt und gehandelt? Wie alt könnte die Anlage ungefähr sein? Scheint alles gleich alt zu sein? Warum brachte man eine Inschrift über dem Durchgang an. Wieso ist der Durchgang so hoch?

Aufträge und Lernaktivitäten

  1. Überlegt euch folgende Fragen für das anschliessende Klassengespräch: Wofür wurde die Anlage wohl verwendet? Wer hat diese Anlage bauen lassen? Wer könnte den Auftrag dafür gegeben haben? Welche Spezialisten (Handwerker) brauchte es dazu? Woher wurden die Baumaterialien hergeholt? Wie lange hat es wohl gedauert, bis die Anlage fertig erbaut war?
  2. Setzt euch jetzt mit den anderen Schülerinnen und Schülern zusammen. Legt eure Skizzen nebeneinander und vergleicht sie.
  3. Besprecht und begründet gemeinsam die in der Gruppe gestellten Fragen.

Fragen und Vermutungen

Wie kann die Anlage kulturgeografisch und zeitlich/geschichtlich verortet werden? Welche sozialen Bezüge sind mit dieser Anlage verbunden? Wie hat man sich die Anlage in ihrem Originalausbau vorzustellen?

Aufträge und Lernaktivitäten

  1. Sucht auf dem Zeitstrahl möglichst genau die Epoche, welche zu diesem archäologischen Fundort passt.
  2. Besprecht folgende Fragen im Klassengespräch: Wofür dienen/ dienten Römerstrassen? Welche Menschen haben früher diese Passstrasse genutzt? Welche Waren haben sie dabei transportiert? Welche Fahrzeuge wurden mit welchen Tieren gezogen? Was fehlt an dieser Passstrasse heute Grundsätzliches?

Anregungen für ein Klassengespräch

Wofür dienen/dienten Römerstrassen?
Mögliche Antworten: Als Verbindungswege, vor allem für Transporte, wie auch für militärische Verschiebungen der Truppen.

Was fehlt an diesem Passweg heute Grundsätzliches?
Mögliche Antworten: Eine gut ausgebaute Strasse für schwere Transportkarren.

Vertiefung vor Ort

Weitere Aktivitäten und szenische Darbietungen:

  • Die Römerstrasse «wiederaufleben» lassen: Den Transport der mitgeführten Rucksäcke und weiteren Materialien mit einem Leiterwagen nachstellen.
  • Sich miteinander Gedanken über Transportwege «früher und heute» machen und dabei die heutige, modernere Strasse mit der alten Passstrasse und dem Felsendurchgang vergleichen.

Vertiefung im Schulzimmer

  • Recherchieren (Webseite des Bundesamtes für Strassen ASTRA oder Google) zu aktuellen Transportrouten (etwa die Gotthardstrasse mit Tunnels).
  • Moderne Transportmittel (Lastwagen, Bahn, Flugzeuge, Frachtschiffe) mit römischen Transportmitteln vergleichen (Lastenkarren, Transportkähne, Handelsschiffe).
  • Sich mit den Fragen auseinandersetzen: Wie sehen Transportwege in Zukunft aus? Wie werden Güter und Personen in 100 Jahren transportiert?

In der näheren Umgebung

Im näheren Umfeld lassen sich weitere Strassenabschnitte erkunden. Es ist sehr empfehlenswert, die Begehung vor einer Exkursion zu rekognoszieren: Der zeitliche Aufwand und der didaktische Ertrag sind Ermessenssache der Lehrpersonen.

Eindrücklich ist die erhaltene Geleisestrasse der Toise de Saint-Martin (Martinsklafter). Der in den 1980er-Jahren entdeckte Strassenabschnitt wurde 1994 archäologisch untersucht. Die Freilegung eines etwa 15 m langen Abschnittes ermöglichte eine genauere Dokumentation. Die Strasse weist zwei in den Fels geschlagene Rillen in einem Abstand von etwa 107 cm auf. Im Süden sind noch Spuren von vier eingelassenen Stufen erkennbar, die den Saum- und Zugtieren den Aufstieg erleichterten. Das schroffe Gelände um Frinvillier bot keine andere Durchgangsmöglichkeit.

Wegbeschreibung: Péry, Toise de Saint-Martin ist zu Fuss von Frinvillier aus in 15 Minuten erreichbar. Der Weg führt hinter dem Bahnhof hoch und weiter der ansteigenden Kantonsstrasse entlang Richtung Nordwesten. Beim Tunneleingang links auf der alten Strasse bleiben, die den Fels umrundet. Den kleinen Tunnel durchqueren und danach rechts einen steilen Pfad erklimmen. Der durch eine Metallabsperrung gesicherte Fundplatz (gefährlicher Felsabfall) befindet sich auf einer spärlich bewaldeten Terrasse.

Mitnehmen

  • Bleistift, Farbstifte, Radiergummi, Feldstecher, Notizpapier
  • Kartenausschnitt (ausgedruckt)
  • Fotoapparat oder Smartphone
  • Messbänder, Klappmeter
  • eventuell Leiterwagen zur szenischen Umsetzung eines Transportes in gallo-römischer Zeit

Bilder

Download

Anreise

Tavannes, Pierre Pertuis: Vom Bahnhof Tavannes (1) erreicht man das Felsentor (2) in etwa 15 Minuten über die alte Kantonsstrasse (geteerter Weg) ab der Autobahnunterführung. Zweite Möglichkeit: Ab der Passhöhe Richtung Tavannes 10 Minuten zu Fuss den alten Weg nach rechts einschlagen. Nach 100 m erreicht man das Felsentor. Dritte Möglichkeit: nahe der Birsquelle (La Source de la Birse) einen steilen Fussweg bis zur alten Kantonsstrasse hochsteigen. Die antike Strasse ist zugeschüttet. (zum Fahrplan)


CC-BY-SA
Konzept: ADB und PHBern
Didaktische Überlegungen, Text: Martin Furer und Pascal Piller, PHBern
Wissenschaftliche Inhalte, Korrektorat: Andrea Lanzicher und Christine Felber, ADB
Titelbild: Martin Furer

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